Wahres Talent

Talent ist, was man nicht lernen muss.

Begnadetes Können. Ein unverdientes Geschenk.

Der Nährboden, auf dem Höchstleistung gedeiht.

Ich erzähle Ihnen hierzu eine kleine Geschichte.

Ich habe in meiner Jugend Judo betrieben (eine japanische Kampfsportart, bei der man, so zumindest die Theorie, den Gegner auf sanftem Wege zu besiegen lernt) und war auch ziemlich gut darin, weil ich fleißig lernte und intensiv übte. Essen, meine Heimatstadt, war damals die Hochburg im Judo, es gab mehrere deutsche Jugendmeister, mit denen ich trainierte.

Eines Tages kam jemand in unseren Verein, der nie zuvor Judo gemacht hatte. Zwei Monate später war er Stadtmeister. Drei Jahre später traf ich ihn zufällig auf einem Kasernengelände in Hildesheim, wo ich meinen Grundwehrdienst als Sanitätssoldat leistete. Ich fragte ihn, was er hier mache und er erzählte mir, dass er, zusammen mit anderen Mitgliedern der deutschen Judo-Nationalmannschaft, hier stationiert sei.

Das ist Talent. Das ist nicht bloß Könnerschaft, für die man hart arbeiten und sich anstrengen muss.

Talent ist das, was man kann, ohne sich dafür je angestrengt zu haben.

Was können Sie, ohne es geübt zu haben?


Ich hatte damals übrigens bald auch mit dem Judo aufgehört. Ab einer bestimmten Leistungsstufe hat ein Junge mit immer länger werdenden Armen und Beinen keine Chance mehr gegen immer würfelförmiger werdende Gegner. Auch der Körper bestimmt mit, was wir wirklich gut können und was nicht.